Nach allgemeiner Vorstellung geht es beim wirtschaftlichen Austausch in erster Linie darum, selbst möglichst viel zu nehmen und dafür so wenig wie möglich zu geben. Dabei existieren nach wie vor viele Austauschprozesse, in denen ohne Gewinnerwartung gegeben wird, ja, sogar ohne die Erwartung, etwas zurückzubekommen. Vor allem wird mit dieser Haltung systematisch mit Kindern umgegangen.
Dieses zweckfreie, ohne berechnende Absicht geleistete, vor allem mütterliche Geben wird von Genevieve Vaughan als Sinnbild für das Paradigma des Gebens (gift paradigm) herangezogen, das im Gegensatz zum Paradigma des Nehmens (exchange paradigm) steht. Vaughans Ansatz der „gift economy“ hat mit dem Subsistenzansatz einiges gemeinsam: Das, was für das Leben nützlich und notwendig ist, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit und des Nachdenkens über eine andere Welt. Vaughan geht aber noch einen Schritt weiter, indem sie die in der globalisierten Welt vielfach vollzogene kulturelle Abkehr vom Lebensnotwendigen/ der Subsistenz bereits in der breiten gesellschaftlichen Anerkennung des Tauschprinzips angelegt sieht. Die Subsistenztheorie hat nicht das Tauschprinzip selbst kritisch betrachtet, sondern nur den ungleichen Tausch (Ausbeutung, Kolonialismus, Akkumulation).
Vaughans Ansatz ist auch insofern weiterführend, als sie eine andere, weitere, womöglich als „tiefer“ zu bezeichnende Dimension in die Analyse miteinbezieht, nämlich die Ebene der kulturellen Wertehaltung, der impliziten, häufig unterbewussten Moral, die noch hinter oder unterhalb der stofflichen Ebene liegt. Wenn Genevieve Vaughan vom „gift paradigm“ versus „exchange paradigm“ spricht, dann ist damit die spontane, reflexartige kollektive Mentalität gemeint, die letztlich alle Handlungen zwischen Menschen einer Gruppe strukturiert, seien sie explizit ökonomisch oder nicht. Zugespitzt kann das heißen, dass selbst der Tausch durchaus in einer Geisteshaltung des Gebens getätigt werden kann. Das Ergebnis bzw. die gesellschaftliche ökonomische Struktur aber ist dann eine ganz andere als wenn der Tausch nach dem Prinzip „Ich gebe, um zu bekommen“ vorgenommen wird.
Interessanter Weise sind abendländische TheoretikerInnen, die in einem „anti-gift-paradigm“ („es gibt nichts umsonst“) sozialisiert worden sind, im Allgemeinen kaum in der Lage, die andere, in erster Linie oder womöglich ausschließlich gebende Seite eines Austausches wahrzunehmen. Was unter anderem auf die Ebene der Kognition verweist, auf der Vaughans Analyse angesiedelt ist und die auch die der Studie Von einer Ökonomie des Nehmens zu einer Ökonomie des Gebens ist. Bekanntlich können wir in der Regel nur das wahrnehmen, was unserem Weltbild entspricht. Dieses wird wesentlich durch unsere Erfahrungen gebildet, und die Erfahrungen wiederum entsprechen unserer Wahrnehmung, eine Art circulus vitiosus.
Pierre Bourdieu etwa spricht von „symbolischem“ oder „sozialem Kapital“, wenn es darum geht, in der indigenen Gesellschaft der Kabylen Tauschprozesse zu analysieren, die offensichtlich mit ökonomischer Vernunft wenig zu tun haben. Er versucht mit Hilfe des Kapitalbegriffs zu zeigen, dass sie hintergründig doch der ökonomischen Ratio gehorchen. So prägt die Brille des „exchange paradigms“ fast alle ethnologischen und kulturhistorischen Untersuchungen der Gabe, selbst bei Marcel Mauss, dem wir andererseits aber verdanken, dass das Thema nicht vollends aus der wissenschaftlichen Wahrnehmung verschwunden ist.
Ziel der Studie Von einer Ökonomie des Nehmens zu einer Ökonomie des Gebens ist es, auszuloten, ob, inwiefern und in welchen Manifestationen auch in unserer abendländischen Gesellschaft die Geisteshaltung des zweckfreien Gebens zu finden ist und wie sie für eine andere Ökonomie und Gesellschaft mobilisiert werden kann.
Die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis förderte die von Prof. Dr. Veronika Bennholdt-Thomsen am Institut für Theorie und Praxis der Subsistenz e.V., Bielefeld, durchgeführte Studie vom 1.4.2008 bis zum 31.3.2011 mit einem Sachmittelzuschuss.
.
Kontakt: b-th@uni-bielefeld.de